Aventin Blog: Juni 2013

Sonntag, 16. Juni 2013

Freunde | Dalai Lama | Glück mit anderen teilen

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Der Mensch ist so angelegt, dass er sich freut und besser fühlt, wenn er sein Glück mit anderen teilen und ihnen vertrauen kann. Wir brauchen den Beistand unserer Gefährten, und Freunde zu haben ist uns wichtig. Mit ihnen zu lachen bereitet uns ein durch nichts zu ersetzendes Vergnügen.  Dalai Lama








Mittwoch, 12. Juni 2013

Monat Januar | Wir heissen euch hoffen | Herbert Fritsche


Im innersten Erdkern keimt das junge Jahr. Die Natur, die sich während des Sommers verausgabt, indem sie ganz buchstäblich "in die Erscheinung tritt", ist jetzt bei sich selber zu Hause, hat sich zurückgerufen aus der Manifestation ihrer selbst in jene Heimkehr zum Unsichtbaren, die von ahnungslosen Menschen mit dem Tode verwechselt wird. In Wahrheit aber breitet der Sommer lediglich aus, was jetzt, im eisigen Schweigen des Januar, unter der Schneedecke und innerhalb der dunklen Baum-Skelette, geschaffen wird.

Die weisen Inder der Vorzeit künden vom Wechselgang gewaltiger Schöpfungskreise: Aus der brütenden kosmischen Nacht Pralaya, da alles Geschaffene verschwunden ist und ein trächtiges Nichtsein die uferlosen Weiten durchwaltet, gebiert sich allmählich der neue Weltentag hervor, Manvantara, die ebenfalls uferlose Ausbreitung der Gestaltenfülle unzähliger Welten und Wesen, von den fernsten blassen Spiralnebeln am Himmelsrande bis ins winzige Gewimmel des Wassertropfens, den ein Mikroskop durchforscht. Pralaya ist keineswegs ein nacktes und steriles Nichts: ohne die Heimkehr in die Überwirklichkeit des Tiefschlafs, in die schöpferische Indifferenz, wäre das Heraufdämmern des kommenden Schöpfungsmorgens unmöglich, der nur eine sichtbarliche Darstellung dessen ist, was die Allheit träumte, als sie bei sich selber im Unbegreiflichen zu Hause war, sieben Ewigkeiten lang. Mag dem Intellekt, dem dürftigsten Kinde der Schöpfung, ein solches trächtiges Latentsein der Schöpfungsfülle auch vorkommen, als sei es nur das leere Nichts --: sobald sich das Bewusstsein höher emporschwingt zu den göttlichen Sphären seiner Herkunft hin, wird es statt dessen des Reiches der Mütter ansichtig werden und wie Faust begreifen: "In deinem Nichts hoff ich das All zu finden!"

Was der Frost an unsere Fensterscheiben zeichnet, Farndickicht, Moosrosen und Flechtenteppich --: keine Botschaft vom eisigen Tode ist es, sondern die Beschlagnahme des Lebensfeindlichen, des Frostes und der Erstarrung durch die Allmacht des Lebendigen. "Wir heissen euch hoffen!" predigen die "Stimmen der Meister" durch unser eisblumengeschmücktes Januar-Fenster.






Dienstag, 11. Juni 2013

Monat Februar | Monat des Eulenspiegels | Herbert Fritsche


Dem Bedürfnis des Menschen, Superlative auszuteilen, ist zwar ein jeglicher Monat gewachsen, dennoch wird sensiblen Seelen immer wieder der Februar als der schönste der zwölf Monate gelten. Der unbeschreiblich feine Seidenglanz auf den Rinden der Bäume - der Weiden und Pappeln insbesondere -, der vom Steigen der Säfte kündet und zuweilen mehr Lenzesseligkeit verheißt, als März und April hernach zu verwirklichen imstande sind, zittert über sich selbst hinaus wie das Licht einer Aura, deren Wahrnehmung nur Sonntagskindern möglich ist. Jedoch macht ein Februar-Abend, den weicher Westwind durchwühlt und über dessen Vorstadtgiebel und Baumkonturen ein Sichelmond voller orientalischer Verheißungen dahingleitet, nicht uns alle zu Sonntagskindern?

Die Neuwerdung, im Januar noch verkapselt und versiegelt, übergreift im Februar das gesamte All. Am Tag Mariae Lichtmess, dem 2. Tage des Monats, ist der Sieg des Lenzes gleichsam entschieden, komme, was kommen mag. Fröste ungeheuerlichen Ausmaßes mögen, so Gott will, noch hereinbrechen, Schneestürme das Gelände zuschütten, nichtsdestoweniger webt sich das siegende Licht inniger und erweckungsmächtiger durch alles Sein, eine tiefgreifende Erneuerung wird zum Gebot der Stunde, wohin man immer mag. Das Jahr, kurz zuvor noch erstarrten und harten Antlitzes, beginnt sich umzuschminken auf eine fast närrische Weise, ehe es schließlich, dem Lenz entgegen, sein holdestes Antlitz zu offenbaren gewillt ist. Ein einziger Einbruch des Tauwindes - und die gläsernen Zapfen an den Dachrinnen tropfen und trommeln, das Glatteis bringt die übereilten Passanten zu Fall, selbst Hieronymus im Gehaeus erhebt sich vom Lehnstuhl und tritt ans Fenster, weil von den Gassen her die Musik des Westwindes lockt und ein Schellengeklirr darinnen vernehmlich wird: vorbei ist es jetzt mit den winterlichen Meditationen, die Weltzugewandtheit des Fahrensmannes regt sich auf den Chausseen, aber was da draußen geschieht zwischen triefendem Kraut und erstem Erblühen voreiliger Weiden, dort, wo die Füchse sich nicht mehr gute Nacht, sondern guten Morgen zu sagen beginnen, kann so bitter ernst nicht genommen werden - und deshalb trägt der Fahrensmann Schellen an der Kappe, einen Spiegel in der Hand und die Eule im Wappen.


Der Fasching, der Karneval und seine Äquivalente - nichts anderes sind sie als Abzahlungen in Kleinmünze an den Gott Dionysos, der die wirre Vielfalt liebt im gesamten All und in jeglichem Geschöpf zugleich. Ist der Mensch, wie die alten Weisen es seit eh und je verkünden, ein Abbild des Weltalls im kleinen, ein Mikrokosmos, komponiert aus der Überfülle dessen, was als Äther, Mineral, Pflanze und Tier, als Stern und Atom die unendlichen Wirklichkeiten ausstattet, so muss dieses in ihn hineingeronnnene Überfülle sich selbst ergreifen über das Begrenzende hinaus, das uns zur Persönlichkeit zusammenrafft. So bietet uns denn der Monat des Tauwindes, der Meister des Schminkens, der Erweicher des Erstarrens die Maske an, den Taumel, die Verwandlung in Fremdes, welches zugleich nichts anderes ist als unterirdisch eingesperrtes Eigensein. Der Eulenspiegel-Mensch des Februar, der Domino, die Faschingsvermummung -: sie leben in kurzem, taumelbuntem Ausbruch für die Frist eines Jahres aus, was ohne diese Befreiungstat eine Mitgift gefesselter Mächte wäre, die den Lenz verdunkeln und den Sommer mit stöhnendem Spuk überschwemmen.


Nach der Aschermittwochs-Stunde, wenn die schweifenden Geister ins Leben und Sterben der ihnen zugewiesenen Wirklichkeit gebannt wurden, hebt das Leisewerden an, die Fastenzeit, das Hineinführen des Leibes in die Selbstreinigung und das Lauschen der Seele auf das Lied vom Sieg des Lichtes, das die Meisen morgens früh vorm Fenster singen.






Montag, 10. Juni 2013

Monat März | Dem Frühling entgegen | Herbert Fritsche


Nie ist der Himmel so blau, sein Mond so blank und bei Tage das Licht so kraftvoll zum Blenden und Bleichen wie im März. Aus tausend Spiegeln antwortet die Bläue dem Himmel: Tümpel und Pfuhle, Bäche und Flüsse berauschen sich an so viel Blau - und des Abends, wenn die Sterne des Winterhimmels mehr und mehr gen Westen sinken, Orion und Sirius, die Plejaden und der Aldebaran, wenn der Löwe über den Südhimmel zieht und Capella vom Scheitelpunkt fortgleitet im sanften Abwärtsschwung zu jenem tiefen Nordpunkt am Horizont, den sie um die Sommersonnenwende als einsames Flimmergestirn innezuhalten gedenkt, dann schwimmt der rote Märzenstern Arktur, das Lenzgeschmeide im Bährenführer-Sternbild des Bootes, auf den Wasserflächen, nachdem er sich vom Ostrande des Himmels empor geatmet hat in die Vorfrühlingsnacht.

Der März hat seine besondere Tragik: er lockt, des Lenzes allzu gewiss, zahlreiche Vorläufer des jungen Jahres ins Freie: erste Falter, verfrühtes Käfervolk und manchen Frosch. Ist das Risiko für die Kaltblüter aus Tümpel und Graben gering, weil sie beim Wetterumschlag ins Winterliche ohne viel Einbuße  an Lebenskraft zurückzugleiten vermögen in das Erstarren, das die Sparkasse ihrer vitalen Prozesse ist, so müssen die Äthergeschöpfe mit den bunten Flügeln, die Falter, zugrundegehen, wenn eisiger Wind zu wehen beginnt und kein Blumen-Nektar zur Verfügung steht. Die sozial lebenden Insekten, die Bienen, haben den Heimweg in den Stock offen---: sie, die das Wagnis des Einzelseins dahingaben und von ihrer Gruppenseele gegängelbandelt werden nach Maßgabe dessen, was der übergeordnete Organismus Bienenstock zu tun oder zu lassen befiehlt, sind kein Gleichnis für Kolumbusse oder Giorgano Brunos.

Sieht man von denjenigen Faltern ab, die als Vollinsekt überwinterten, so kommen die Schmetterlinge des Frühjahrs aus der Puppe hervor, aus dem chitingezimmerten Insektensarg, der uns Goethes Wort vom Gleichnis-Charakter alles Vergänglichen deutlicher machen kann als jegliche sonstige Erbildung der Natur. Die Raupe, erdnah, gefräßig und dem Wurm zum Verwechseln ähnlich, lebt als ein niederes Wesen, auf das der Sensible oft mit Ekel reagiert. Ganz zu Unrecht! In jeder Raupe steckt, wie der Märchenprinz im Frosch, ein Falter. 

Wer nur das Aktuelle sieht, ist blind und dumm: erst der Blick auf das Werdeziel adelt den Wissenden.

Eine Raupe, die die Verpuppung für eine Einsargung ohne Auferstehung halten würde, wäre im Irrtum. Eine andere, die die Zeit im Sarge einfach als Raupe zu überleben hofft, irrte nicht minder. Und ein Falter, der sich nicht selber angestrengt dem Sarge entwindet, hätte kein Leben draußen in den Weiten des Luftmeeres. Der ganze Vorgang mutet wie ein Illustration zu dem alten Mystiker-Vers an:

Wer nicht stirbt,
bevor er stirbt,
der verdirbt,
wenn er stirbt ...

Die ersten Falter im März können uns das lehren. Und sie können uns auch warnen vor einem zu frühen Weg in eine Wirklichkeit, die noch nicht eindeutig und ohne Rückfälle am Regiment ist. Aber dem, der über alles Individuelle hinaus voller Vertrauen auf das Tao ist, den immer im Recht befindlichen Geist der Allheit, wiegt solche Warnung leicht --- und die Märztage der verfrühten Falter nimmt er statt mit Trauer mit Dankbarkeit hin. Die Kolumbusse und die Giordano Brunos sind edler als die Schulmeister, die ihre Lehrmeinungen erst zu dozieren wagen, wenn das Weltbild, dem sie verpflichtet sind, so fest geworden ist, dass es den Wirklichkeiten schon nicht mehr entspricht.

Am 21. März halten sich Tag und Nacht die Waage, die Sonne überschreitet auf der Himmelsbahn den Frühlingspunkt. Dass dieser Frühlingspunkt, der einmal am Beginn des Tierkreiszeichens Widder lag, auf einer langsamen Wanderung über den gesamten Tierkreis hin begriffen ist, welche rund 26.000 Jahre währt, war schon den weisen Völkern der Vorzeit bekannt. Man nannte diese Zeitspanne das große oder das Platonische Jahr und ordnete dem Weg des Frühlingspunktes durch ein Tierkreiszeichen von 30 Graden, also einer Zeitspanne von rund 2.100 Jahren, die Bedeutung eines Weltzeitalters zu, das im wesentlichen von den kosmischen Kräften seine Signaturen empfängt, die dem Tierkreiszeichen entsprechen, in dem der Frühlingspunkt sich dann befindet. So driftete vor kurzem der Frühlingspunkt aus dem Zeichen der Fische, das uns zwei Jahrtausende hindurch das Antlitz der Welt bestimmte, in das des Wassermann.

So befinden wir uns jetzt in einer Zeit des Umbruchs, der Bewusstseinswende, der wankenden Wirklichkeit. So wie wir von der Mikrophysik her, die saltomortalartige Korrektur unserer gesamten naturwissenschaftlichen Grundbegriffe geliefert bekamen, ist auch sonst, im Sozialen, im Religiösen, im Menschheitlichen, eine Neuwerdung am Werk, die wie der Aequinoktialsturm (Äquinoktium) daherbraust, der Sturm um die Tage der Tag- und Nachtgleiche. Ist es richtig, Ach und Weh zu schreien oder Weltuntergänge zu beklagen? Oder ist es richtig, die große Befreiung zu begrüßen, die dem Werden des jüngeren und echteren Lebens, dem Lenz und dem Licht der Wege bahnt um einer Saat willen, zu der wir selber gehören mit Haut und Haar? Und müssen wir nicht auch hier von dem Falter lernen, der nur dann sein Recht auf freien Flug in die Weiten erworben hat, wenn er sich aus der Umklammerung des Puppensarges mit eigener Kraft löste? Die Stürme, die dem neuen Zeitalter vorangehen, meinen ebensowenig wie die Stürme des März das Verderben, sondern den Sonnensieg.






Sonntag, 9. Juni 2013

Monat April | Wiedergeburt des Jahres | Herbert Fritsche


Aller Reife geht das Spiel voran. Das kleine Mädchen spielt sich von der Puppenstube her zur Mutter, der Knabe vom Aquarium her zum Forscher hin oder, wie das Kind Goethe, vom spielerischen Aufbau eines aus den Welten-Elementen Stein, Pflanze, Tier und Feuer gefügten Altares zur Rolle des bevollmächtigten priesterlichen Verkünders der Geheimnisse. So tobt denn im Aprilwetter die Jugend des Jahres, zwischen Graupelschauer, Sonnenschein, erstem Gewitter und plötzlichem Rückfall in Eis und Reif wie ein Böcklein hin und her springend, ihr wildes Verspieltsein in des Kosmos Chronik. Das Schüttelnde, Rüttelnde, nirgends solide und dennoch so funkelnd mit Reichtümern Prunkende des April ist einem Kursus in der großen Abhärtung gleichzusetzen, der die Kreaturen nunmehr preisgegeben werden. Die leisen Lenzverkündigungen des März, rosa Pestwurzblüten am Grabenrand, gelbe Sönnchen des Huflattichs den Weg entlang, Veilchen im Gras, Seidelbast am Waldessaum und überall die flimmernden Kätzchen der Weiden - es ist all dies auch im April noch da, doch eine kräftigere Küche kocht inzwischen ihre Säfte und Gewürze in den herben Tag. Es wird Zeit, die Frühlingskräuter zu ernten und in Suppen- oder Salatform auf den Tisch zu bringen.

Ob der Abend kühl ist oder lau, die Amseln sitzen auf den Giebeln und im Obstbaum, der gegen Ende des Monats zu erblühen beginnt, und ihre Strophe betet weltenalte Gebete, die Wiedergeburt des Jahres zu verehren. Im Westen versinkt der Orion, der Weihnachtskünder, dessen riesiges Sternbild in den Septembernächten aus den östlichen Räumen emporzuklimmen beginnt. Die Erde, die tief im Winter den Atem in sich zurückstaute wie ein indischer Yogi, wenn er den Zustand der Vereinigung des höheren Selbst mit der Gottheit, wenn er Samadhi erreichen will, beginnt nun immer stärker auszuatmen: ihre Ätherfülle, die sich weit flutend in die Räume ergießt, tritt gleichsam in den lebendigen Verkehr mit der Welt der Gestirne - und je lebhafter und reicher von Monat zu Monat dieser Austausch zwischen Erdenstern und Himmelsternen vonstatten geht, desto zahlreicher sprossen, als irdische Antwort auf die kosmische Befruchtung, die Blütensterne auf, die Abbilder der Himmelslichter, die schuldlosen Organe der Liebe im Pflanzenreich. 

Alles Lebendige hat seine drei irdischen Formen der Selbstentfaltung: Sal, Mercurius und Sulphur, so lehrte es Paracelsus von Hohenheim, der eigenwüchsige Erneuerer des Einweihungswissens zur Zeit der Renaissance. Sal, das Salz, steht mit seinen stofflich-harten Kubusformen der Kristalle für irdische Verfestigung, Merkurius, das Quecksilber, quecksilbert flüssig, vermittelnd und nach Art des Götterboten Merkur als Bote zwischen Niederem und Höherem hin und her, Sulphur, der Schwefel, endlich deutet auf die geheimnisvolle Existenz des Flammenden, Feurigen, sich Verflüchtigenden hin, auf die Sublimation ins Überweltliche. 

Wer unter Kaskaden von Faulbaumblüten durch einen April-Park schreitet, sei des Feuers der Schöpfung eingedenk, wie es in den Düften lebt und wie es immer nur ein und dasselbe meint und minnt: die Liebe. 








Samstag, 8. Juni 2013

Monat Mai Liebe | solve et coagula | Herbert Fritsche


Niemand kann den Mai erleben, ohne die Frage nach dem Sinn der Liebe zu stellen - es sei denn, dass er als ein Genie des Herzens weder dieser Frage noch ihrer Lösung bedürftig ist. Hat uns der Darwinismus verkündet, die gesamte Welt der Organismen, Farn und Falter, Blume und Nachtigall, Obstbaum und Mensch sei zustande gekommen durch ein Zufallsgemisch toter Stoffe, das bei geeigneten Gestirnstemperaturen von selber zu leben begann und sogleich sich zu hassen, zu zerstückeln und zu vernichten anhob, dass bei diesem irrsinnigen Kampf aller gegen alle aber dieses und jenes Stückchen Leben rein zufällig besser ausgestattet war als das andere, so dass Zufalls-Auslesen im allgemeinen Daseinskampf zustande kamen mit dem Resultat eines Emporstiegs der Organismen vom Schleimklümpchen im Tümpel bis zur Amsel, zum Reh und zum Menschen, hat eben dieser Darwinismus uns also die Welt zur Mördergrube und das Werden der Geschöpfe zu einer Erfolgskrönung von Gangstern gemacht, so lehrt uns der Mai, dass die Liebe eine überwältigende Macht im Leben ist. Kosmogonisch ist der eros, weltenschaffend. Und dennoch findet sich auch viel Leidbringendes, Unvollkommenes und Unglückseliges in den Welten. 

Das Erlebnis Mai ist das Erlebnis der Liebe. Das wirre und wunderliche Massenkonzert der Laubfrösche in den Hecken am Teich, die Gaukelflüge der Feldermäuse, das brummende Umherschwärmen der Maikäfer, die Lieder der Vögel und die Katarakte des Weißdorn-Blüten-schaums: alles weiß nur von Liebe zu plaudern, zu singen, zu tanzen, zu schweben oder zu duften. Lauschen wir weiter nach innen, so werden uns die Stimmen der alten Weisen vernehmlich, der wortgewaltigen heiligen Schriften, der Stifter der Hochreligionen. Gott oder Kosmos ist die Liebe, das ist die Botschaft eines jeden unter ihnen. Wenn Gott die Liebe ist, so braucht diese Liebe, um sich als Liebe leben zu können, ein Du. Liebe will sich in sich selbst als Liebe ergreifen und bestätigt sehen, aber das vermag sie nur, wenn ein gegenüber vorhanden ist, das geliebt werden kann. Wenn Gott die Liebe ist, benötigt er eine Welt als Du, um seine Liebe leben zu können. Nun kann aber immer nur ein freies Du für die Liebe ein gültiges Du sein, denn ein gefesseltes oder willenlos betäubtes Du genügt dem Liebenden niemals. Die geschaffene Welt, das Du zu Gott hin, musste ausgestattet werden mit dem Samen der Freiheit, um das wirkliche und gültige Du sein zu können. So wie die Liebe sich leben will, um sich in sich selbst bestätigt zu sehen, so will auch die Freiheit sich leben. Das kann nur geschehen, wenn sie sich selbst ergreift, wenn sie in den Eigenstand des Freiseins tritt. Dies aber bedeutet, im Hinblick auf Gott, Abirrung, Sonderung, Sünde, Sündenfall. 

Nur was sich abkehrt vom Gebundensein an Gott, verwirklicht die Freiheit, weil jede Haltung, die nicht ins Freie vorstößt, Gebundensein bedeutet. Der verlorene Sohn, der alles Leid, alle Sonderung und Sünde ins All gebracht hat, hat dennoch auf geheimnisvolle Weise das Du, das die Welt Gott gegenüber ist, zu einem gültigen, einem freien Du gemacht. Deshalb geht der Vater dem verlorenen Sohne, der schließlich in Freiheit und mit einer selbsterrungenen Erfahrungsfülle heimkehrt, mit weit größerer Liebe entgegen, als er sie für den anderen Sohn hegt, der lediglich bei ihm blieb. Das Mysterium des verlorenen Sohnes ist mit dem Mysterium der Liebe eng verbunden - so eng, wie die Forderung des Liebenden an alles Geliebte, das in Freiheit die Liebe erwidern soll, mit dieser Freiheit verbunden ist. 

Alle Irrungen, Täuschungen und Illusionen des Liebeslebens fügt der Mai zu einer süßen Symphonie. Wenn wir sie vernehmen, dürfen wir nicht meinen, es sei ein Lied von Lug und Trug. Alles Suchen wird insgeheim bewegt von der Gewißheit, dass es ein finden gibt - und alle Freiheit ist nur ein Spannungsmoment um jener Einheit willen, die für den Menschen mit der überaus seltenen echten Ehe gegeben ist und für den Kosmos mit dem Werdeziel der Welten, der Wiederbringung aller geschaffenen Dinge ins Liebeslicht der Gottheit.






Freitag, 7. Juni 2013

Monat Juni | Sommersonnenwende | Herbert Fritsche


Die längsten Tage, die kürzesten Nächte überwandern das Land. Es wird nicht mehr ganz dunkel des Nachts, der Untergangspunkt der Sonne hat sich weit vom Westen zum Norden hin verschoben, vom späten Abend bis zum Morgengrauen bleibt der Nordhorizont, den als einsamer Stern Capella im Fuhrmann durchfunkelt, Träger eines gläsern klaren oder eines milchigen Glanzes. 

Der Sommer ist jetzt bei sich selber zu Tisch geladen. Ein reicher Tisch: alle Wiesen sind übersät mit Blütensternen oder vom Duft des Heus betäubt, die Rosen glühen aus den Gärten, und der Abendweg durch die Hecken, zum sanften Schwung der Hügel hin, ist eingesäumt von Heckenrosen und von den im warmen Wind hin- und hergewiegten weißen, duftenden Doldentellern des Holunders. Kein noch so kärgliches Winkelchen der Welt bleibt ohne Blüten, die winzigen weißen Blütensternchen der Vogelmiere durchschimmern das zertretene Gras der Wege, auf knochentrockenem Lehm am Rande des Ackers gedeiht die kleine scharlachfarbene Blume Gauchheil, das gilbende Getreide hat den Boden nicht so leer gesogen, dass nicht der feuerrote Mohn bunt ins Land leuchten könnte aus dem Wogengang der Halme. 

Wir hätte kein Hausmittel zur Verfügung, wäre der Mensch nicht seit jeher ein Witternder, Deutender, der Physiognomie der Dinge ihr Wesengeheimnis Ablesender gewesen. Die Heilpflanzen tragen ihr Etikett: Lebensweise,Farbe, Form, Duft und andere Qualitäten gaben dem Menschen der Zeitenfrühe Auskunft über ihre therapeutische Verwertbarkeit und vermögen es dem Menschen unserer Zeit noch immer zu geben. Der homöopathische Arzt Emil Schlegel schrieb unter dem Titel "Religion der Arznei" ein ganzes Lehrbuch dieser medizinischen Signaturenlehre. Es ist eine Deutungswissenschaft, die wir besonders im Juni gut gebrauchen können, denn die meisten Heilpflanzen unserer Heimat wollen vor dem Tag der Sommersonnenwende geerntet sein.

Indem nun, von der Höhe des entfalteten Sommers her, die Rückwanderung zum Dunkel anhebt, die Heimkehr des offenbaren ins Verborgene, das Schwächerwerden des äußeren Lichtes zugunsten des inneren, geschieht vom Jahreslauf her ähnliches wie beim Überschreiten der Lebensmitte im menschlichen Schicksalslauf. Nicht ins Sterben wendet sich der Weg, sondern ins Reifen: die bunte Fülle ist nicht das Eigentliche --: der leuchtende Weisheitsgewinn, die Heiligung des Wandels über den Planeten ist das Ziel. So weist die Johanniszeit auf Kosmisches hin, um dessentwillen irdische Daseinsmacht ihren Abbau erleiden muss. Wenn zur Weihnacht, aus dem dunkelsten Dunkel, das Fünklein des Erlösungslichtes geboren werden soll, dann ist es die Predigt der Johanniszeit, auf rechte Weise die Kraft zu entfachen, die das Reifen und Welken erträgt um des inneren Wachstums willen.

Die Heckenrose des Juni ist für den wahrhaft Wachsamen ausersehen, zur Rosa mystica zu werden, so wie der Holunder der Baum der Einweihung ist, der mit den tausend kleinen weißen Pentagrammen jeder seiner Blütendolden auf den unsterblichen Menschen hinweist.







Donnerstag, 6. Juni 2013

Monat Juli | Traum und Weltmüdigkeit | Herbert Fritsche

http://aventin.blogspot.de/2016/07/monat-juli-traum-fritsche.html

Tropische Glut überlagert die Landschaft, Gelassenheit ergreift Besitz von der Seele, chinesische Weisheit des Wu Wei, des Nichts-Tuns in Einklang mit dem Dao, ist dem Geist nunmehr gemäß. Am allzu bunt und sättigend aufgefüllten Erscheinungsbild der Welt ermüdet der Mensch, wie er in der Sonne des Juli ermüdet. Die Ferien sollen, so sagt man gerne, Ferien vom Ich sein - aber ist das ich nicht der Bezugspunkt, um den sich unsere gesamte Weltwahrnehmung ordnet? Es ist gut, wenn uns der Juli ein wenig zum Yogi macht, zum nach Innen hin Gesammelten, der nur für die Augen Ahnungsloser einem in Stumpfheit versunkenen Tagedieb ähnlich sieht. Die Stille, die der Yogi um sich und in sich sammelt, und die so wundervoll zum Antlitz des Juli, des Asiaten unten den Monaten, passen will, soll kein leeres Schweigen gebären, sondern der stumme Muttergrund sein, aus dem sich eine Weisheit kosmischer Herkunft erhebt. "Die Stimme der Stille", so heißt der Titel eines hochasiatischen Lehrbuchs des Pfades zur geheimen Erleuchtung, das uns von Helena Petrovna Blavatsky ins Abendland gebracht wurde.

Wer des Lebensvordergrundes müde ist, wie der Juli es uns so gern beschert, der ist wohlvorbereitet für die Abkehr nicht nur vom Bild der Welt, sondern auch vom in die Welt verstrickten Ich. So schweigt und schwingt er sich denn heim in den Schoß der Urmutter, lauscht, die Pforten der Sinne abgeblendet, tief ins Herz der innersten Wirklichkeit hinein und vernimmt, was die Stimme der Stille zu sagen hat, wenn sie endlich emporklingt aus einem Sein, das umflutet ist vom glühenden Hauch des überreifen Sommers. Maya ist es, die uns umgibt, Illusion, Bilderspuk einer träumenden Gottheit: so lautet der Text in der heiligen Sanskrit-Sprache. "Wir sind vom gleichen Stoff gewoben wie die Träume und unser kleines Leben umrahmt der Schlaf", so weiß es uns Shakespeare, "Stern der höchsten Höhe", in seinem magischen Alterswerk "Der Sturm" zu sagen. Und wenn uns beides nicht modern genug ist, können wir uns auch inmitten der Juliglut zu den modernen Physikern ins Kolleg setzen, die uns - von den Einsichten ins subatomare Geschehen der Quanten her - recht schadenfroh die einst so festgefügten Wirklichkeitsbegriffe relativieren. Einer unter ihnen geht so weit, dass er im Motto eines seiner letzten Bücher demjenigen jede Eignung zum anständigen Philosophieren abspricht, der nicht von vornherein Erkenntniszugang zum Traum-Charakter der Welt hat.

Träumend steht jetzt das Schilf am Weiher, träumend schwebt die Libelle im Mittagsdunst, träumend verwandelt der ruhevolle Leib der Kuh die Wiese zu Fleisch und Milch, träumend kann der Mensch erahnen - der Ferienmensch, dem die Ferien vom Ich nicht nur eine literarische Redensart sind -, dass irgendwo weit oberhalb der tausenfältigen Verteiltheit des Lebens, der Versprühung des Kosmos in die Millionen Funken, die als Kosmossubstanz in der Verbannung den Weltraum durchirren, eine Einheit gewährleistet ist, die kein Zweites kennt: Advaita, nichts Zweites gibt es außer dem Einen, sagt Indiens heilige Stimme.

Hat uns die Müdigkeit des Juli, die Weltmüdigkeit, die ein eigenartiges Wachsein für das wahnlose Jenseits der Welten aus sich hervorgehen lassen kann, zu solcher Einsicht emporgehoben, dann mag der Yogi unversehens ins Abendland zurückkehren: nunmehr im Besitz des Wissens um die grundsätzliche Brüderlichkeit alles Geschaffenen, ist er reif geworden für den Sonnengesang des hl. Franziskus, der Sonne, Mond, Wind, Erde, Feuer und alles lebendige Leben als Geschwister ansprach. Begreifen wir den Monat Juli als einen Monat, der uns in der innersten Menschwerdung voranbringt wie keiner sonst.






Dienstag, 4. Juni 2013

Monat September | Der süße Nachsommer | Herbert Fritsche

Die Wolken der Zugvögel rauschen über uns dahin. Das Obst ist reif, Äpfel und Birnen klopfen zu Boden, wenn der Wind weht - und in der gläsernen Klarheit des Tage riecht es nach Efeu und Lebensbaum, abends aber, wenn das Dunkel immer früher hereinbricht und die Kühle uns bald schon Ausschau halten lässt nach dem teefarbenen Licht des Fensters daheim, blinkt vom Osthimmel her das Siebengestirn zu uns hernieder. Nun kann es nicht mehr lange dauern, dann ist der uralt-babylonisch-chaldäische Vorhang des Winterhimmels über den Süden gespannt: Stier und Vorhund, das Dioskuren-Paar Kastor und Pollux, endlich Orion, der riesige Jäger mit dem diamanthell funkelnden Hundsstern Sirius zu Füßen. 

Wenn der neue Tag beginnt, kann es sein, dass er die ganze heimliche Süße des Nachsommers bringt, die wohlausgewogene Schönheit, in der kein Kampf und Krampf, kein Prunk und Rausch mehr ist, sondern nur noch ein holdes Daheimsein der Natur in der leisen Wehmut einer Harmonie, welche das Wissen um den Abschied verzaubert. Wundervoll passt diese unaufdringliche, nachgiebige und ausgeglichene September-Schönheit zur Wesenart des Tierkreiszeichens Waage, das um den 23. September von der Sonnenbahn erreicht wird, wenn die Tag- und Nachtgleiche den Herbstbeginn kennzeichnet. Als ob das Edelste des schwindenden Sommers noch einmal geerntet würde, als ob aus dem Kühlerwerden des Blutes zuvor noch die Schönheit des Lebens blass und sanft in den Tag hinein destilliert werden müsse, so bietet sich die vorherbstliche Jahresstunde dar, die leise Lyrik unter den zwölf Strophen, von der man oft glauben möchte, dass das Wort des Lao-Tse an ihr wahr werde:

Das Zarte wird das Starke besiegen,
dies ist die geheime Erleuchtung ...

Am Rande der Stadt breitet sich das Schuttfeld aus, auf dem die Hexenkräuter wuchern, die dem Herbst uns seinen Eremiten Räusche sonderlicher Art versprechen: Nachtschatten und Bilsenkraut, Stechapfel und Teufelszwirn, Tollkirsche und Zaunrübe finden sich beisammen im Grenzrevier, um dem Grenzgänger und Grenzüberschreiter auf ihre Art von der Verwandtschaft alles Kreatürlichen zu berichten. Ein Absud aus ihren Säften verwirrt die Menschenseele auf so kuriose Art, dass sie E.T.A. Hoffmanns Gesichte erlebt, im Fluge durch die künstlichen Paradiese Charles Baudelaires schweift und mit verdoppeltem Schwunge durch die infernalischen Ameisenhaufen des seltsamsten Geziefers, die uns Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel gemalt und gezeichnet haben; das skurrile Spiel mit Brocken des Kosmos, das Paul Klee so souverän beherrschte, wird nicht minder zur zwanghaften Wirklichkeit im vergifteten Innern wie die gleich wirrem Wurzelwerk verfilzten und zerschrumpften Gespenster Alfred Kubins, des Schloßherrn zu Zwickledt am Inn. Wenige Tropfen dessen, was der Sommer im Unkraut zusammenbraute und was der Frühherbst garkochte, vermögen den Mensch eines Hexensabbats teilhaftig werden zu lassen, den wir nur begreifen können, wenn wir es ernstnehmen, dass auch hier ein Geist zum andern Geiste spricht.

Wilhelm Raabe hat einmal gesagt, es würde wohl manches Stück Erde recht kahl und armselig aussehen, wenn kein Unkraut darauf wüchse. Er konnte nicht ahnen, in einem wie wörtlichen Sinne die Wissenschaft der dynamischen Botanik diesem Ausspruch recht gibt. Der Herbst, der Säftekoch und Teebereiter, leitet nicht das Sterben, sondern das Leben ein -: auch dort, wo wir nur ein Welken wahrnehmen. Es gibt rings im All nur Leben, nichts als Leben, der Tod ist nur eine Maske, hinter der das Lebendige seine intimsten Wandlungen vollbringt. 







Montag, 3. Juni 2013

Monat Oktober | Geist verdichtet zu Samen | Herbert Fritsche

Alles Pflanzliche, das jetzt, von der Kühle genötigt, aus seinem grünen Herzen heraus des nahenden Winters ansichtig wird, kennt nur eine einzige Methode des Überdauerns, wenn es nicht Baum oder Gesträuch ist, sondern: die Zusammenziehung des eigenen Wesens in den Samen. Gewiss, auch Tanne und Linde, Apfelbaum und Himbeerbusch haben ihre Samenbildung, jedoch dient sie lediglich der Verbreitung der Art, während das pflanzliche Einzelwesen auch ohne die Flucht in den Samen den Winter überdauert. Anders steht es mit denjenigen Geschöpfen der Flora, die nunmehr endgültig zu welken beginnen und auf den weiten Komposthaufen der Landschaft geraten. Ihre Auferstehung im nächsten Lenz geht vom Samen her vonstatten. 

Im April lernen wir vor dem Katheder des großen Paracelsus, dass die Pflanze - wie jede Kreatur - Anteil hat an den drei Prinzipien Sal, Mercurius und Sulphur: mit der Verwurzelung ist ihr salinisches, erdenfestes Prinzip gegeben, mit Stängel und Blätterfülle ihr merkurisches Strömen und Vermitteln zwischen Erdensein und Kosmos-Kräften, mit der Blüte das sulphurische Verströmen und sublimieren in Farbe und Duft. Nun ist es gerade die Blüte, der brennende Sulphur, woraus sich ein neues Sal-Gebilde formt: der Same. 

Der Same gleicht winterlicher Erde: rund, kahl und ohne jedes Entfaltetsein, ist er dennoch Leben in der Latenz, reicher an unsichtbaren Potenzen als alles, was sich dereinst aus ihm in die Manifestation hinein verausgaben wird. Die Kugel, die im kleinsten Raume das Größtmögliche birgt und ballt, die Gestalt des Samenkorns darf als verinnerlichtes Feuer aufgefasst werden, das sich erhärtet hat zu geheimer Erdfigur und der Erde anheimgegeben werden will, um darin zu wurzeln, auf dass es aus der Wurzel grüne und blühe. Was ein Pflanzensame im Sinne seiner Potenzenballungen bedeutet, das können wir an einem Beispiel aus der Welt der Genussmittel erkennen. Trinken wir chinesischen Tee, der aus Blattorganen bereitet ist - atmenden, assimilierenden Blattorganen, die überdies, bei der Tee-Vorbereitung, einem langwierigen Fermentationsprozeß  unterworfen wurden -, so nehmen wir, was wenig bekannt ist, bei normaler Zubereitung ein Getränk ein, dessen Gehalt an Coffein (Thein ist chemisch dasselbe wie Coffein) stärker ist als der der gleichen Menge ebenfalls normal zubereiteten Kaffees. Dennoch wirkt der Tee, eben weil er aus Blättern stammt, als Philosophengetränk, das tiefgründige Gespräch befördernd und das weitausholende Denken anregend. Die Tasse Kaffee, aus Pflanzensamen - den Kaffeebohnen - zubereitet, Pflanzensamen, die überdies im Röstprozeß noch feurig aktiviert wurden, enthält zwar etwas weniger Coffein als die Tasse Tee, aber sie wirkt elektrisierend bis in jeden Nerv, trommelt das Gedankenleben bis zur Ideenflucht mobil und überstürzt das Hirn mit Katarakten von Einfällen: aus dem Coffein, das den Tee zum Philosophen- oder Diplomatengetränk machte, ist das Coffein des Literaten- und Journalistengetränks geworden, das Weckmittel, welches Menschen und Geister verquecksilbert und zu raschen Reaktionen aufpeitscht. 

Kraftvolle Naturen lieben den Oktober vor allen anderen Monaten. Man muss ihn nur aus rechter Haltung menschgemäßen Kräftigseins verstehen: Kräutersame, lodernd buntes Laub, brausender Sturm und Hirschbrunst besagen alle dasselbe, nämlich dass es nicht der Sinn des Winters ist, uns verarmen zu lassen oder gar zu töten, sondern dass jetzt Hand angelegt werden muss, um, von kühler Luft erfrischt und von überwältigender Farbensymphonie angefeuert, des Jahres Natur- und Schicksalsgeschenke einzukellern im tiefsten Herzen, von wo her alle Entscheidungen fallen, die der Welt vom Menschen her zuteil werden - im Sinne der Worte aus dem buddhistischen Dhammapadam:

Vom Herzen gehn die Dinge aus,
sind herzgeboren, herzgefügt ...







Sonntag, 2. Juni 2013

Monat November | Monat der Gespenster | Herbert Fritsche


Nebel und Nässe, frühes Dunkel und unwirtliche Witterung --: es ist der Monat der Gespenster. Aber "wer ins Dunkel schaut, wird immer etwas sehen", heißt es bei Williman Butler Yeats, dem englischen Dichter des Weltgeheimnisses. 

Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von allen ihn trennt,

so lautet eine Strophe aus einem Novembernebel-Gedicht von Hermann Hesse. War der Sommer uns gegeben, damit wir die Weiten erleben, die Hingegossenheit kosmischer Fluten über das irdische Gelände, so ist es der Winter um des Heims willen, der Höhle und Zelle. Wege durch den tropfenden Nebel des Novembers aber weisen uns, auch wenn wir draußen in den einst überschaubaren Weiten sind, auf diejenige Höhle und Zelle zurück, die wir als letzte Zuflucht mit uns umhertragen, wo immer wir auch sind: auf das eigene Dasein als Individualität.

Ist Ich-Überwindung das hohe Ziel aller echten Religionen und Erlösungspfade, so setzt sie eine Ich-Findung voraus, die erst einmal erreicht werden muss. Der Termitenmensch, der vom jämmerlichsten Wörtchen unserer Sprache beherrscht wird, dem Wörtchen "man", der konventionelle Durchschnitts-Typus, dessen Bestimmung allein schon von den Inhalten der öffentlichen Meinung, von Mode, Politik, Klatsch und Kommandiertwerden durch irgendwelche Machthaber und Medien her möglich ist, hat kein Ich und kann mithin auch keins überwinden. Er ist auswechselbar zu jeder Zeit und muss sich gefallen lassen, auch ohne viel Federlesens ausgewechselt zu werden, so bald es irgendeiner der ihm übergeordneten Instanzen gefällt. Jedoch auch fortgeschrittenere Menschen sind oft noch weit, weit fern vom bewussten Erkennen und Realisieren ihrer Einmaligkeit im All. Das uralte Weisheitswort "Werde, der du bist!" lässt sich erst nach langer Einsamkeit erfüllen. Dazu taugt der November.

Birgt der November den Sinn, uns zu den Gespenstern zu führen, damit wir - statt nur das Gruseln zu lernen - uns des Gespenstischen unserer eigenen Existenz bewusst werden, um, erschrocken infolge solcher Erkenntnis, sie alsdann mehr und mehr zum lebendigen Leben einer echten Individualität zu erlösen, so soll er uns willkommen sein.






Samstag, 1. Juni 2013

Monat Dezember | Mysterium der Stille | Herbert Fritsche


Die erste Schneenacht lässt Sterne über Sterne, die kleinen, in wundervoller FiligranStruktur erbildeten Schneekristalle, auf unsere Landschaft sinken. Es geht auf die Jahres-Mitternacht zu, die Erde hat ihren Einweihungsschlaf zu halten, damit sie zur Stunde der Weihnacht das Mysterium der Mysterien erfahren könne: das Licht der "Sonne um Mitternacht".

Schweift der Blick zum Fenster hinaus, so ist, von den Skeletten der Bäume abgesehen, die gesamte Biosphäre, die den Erdstern überspinnende und selbst seinen Luftraum durchsegelnde Lebendigkeit der Tiere und Pflanzen, nicht mehr wahrnehmbar. Das Kraut ward welk, die Blumen verblühten, die Bäume gaben ihr Laub daher, das Getier verkroch sich oder sank in den Winterschlaf ---: die Zeit des Menschen aber kennt kein Schläfrigsein für Wochen und Monate. Der Mensch, labil und wehrlos in die Welt gestellt, ist dadurch bestimmt, dass er, im Prozess fortwährender Selbstverwirklichung, nach außen oder innen oder zu Gott hin unaufhörlich das aktive Wesen zu sein hat. Mensch sein heißt Mensch werden

Das ist die eine Sonderstellung des Menschen auf Erden. Die andere ist die, dass nur bei ihm, nirgends sonst in der Vielfalt der Kreaturen, Barmherzigkeit gefunden werden kann: er allein ist den Zwängen der Physis, des Bios und der emotionalen Psyche von seiner aktiven Anteilnahme an der Wirklichkeit des Logos her so weit entglitten - zumindest der Möglichkeit nach -, dass er die universelle Brüderlichkeit des Geschaffenen erkennen und ihr in Barmherzigkeit dienen kann. Die Erfahrung lehrt zwar, dass er - infolge eben dieser Freiheit - nur allzuoft das Gegenteil verwirklicht und Grade der Bestialität erreicht, die kein Tier zustande brächte, denn das Tier tötet nur um seiner Ernährung und Arterhaltung willen, niemals aber ist es machtlüstern oder grausam aus sich selbst heraus. 

Der Gefahr, das kostbarste Angebot nicht nur des Dezembers, sondern des gesamten Jahres einzubüßen, entrinnen wir, indem wir die Weihnacht aufs neue als das erkennen, was sie von Alters und von Gott her wirklich ist: Mysterium der Stille. Außer dem Lichterbaum im Weihnachtszimmer steht der riesige Lichterbaum des Sternenalls vor uns. Er leuchtet uns auch auf dem Pfad zum neuen Jahr. Jedes unserer Jahre ist ein Stück Pensum in der Pflanzschule für eine Welt von Seelen, wie Goethe die Erde nannte - und da das Menschenleben die Einweihung eines Geistes in die Mysterien des Irdischen bedeutet, ist auch jedes Jahr eine Stufe auf diesem Einweihungsweg.






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